Wenn Übersetzer auf Urlaub gehen

Auch im Urlaub sind Übersetzer irgendwie immer auf Dauerfortbildung. Denn uns fallen die merkwürdigsten Dinge auf (am allerliebsten auf Speisekarten), und wir stellen uns tausend Fragen zu Sprache, Land und Leuten.

Ein interessanter Zufallsfund war diese Kapelle im idyllischen Tal des Río de la Miel, in der Nähe von Nerja (an der Küste von Andalusien).

Was ist hier los in Andalusien?

Was ist hier los in Andalusien?

An einer Straßenecke standen im Februar unzählige gefüllte Wasserflaschen um eine Kapelle. Leider war an dem eher regnerischen Tag in dieser abgelegenen Gegend niemand unterwegs, der mir hätte Auskunft geben können. Und die Aufschrift auf der Kapelle (DIFUNTA CORREA) hilft mir auch nicht recht weiter. Wofür wird hier gedankt? Oder worum wird hier gebetet?

Später blieb mein Übersetzerauge an dieser Restaurantinformation in Frigiliana hängen (sehr hübsches Dörfchen oberhalb von Nerja). Vergleicht mal den spanischen Text mit dem englischen.

Plaza del Ingenio / Square Wit

Plaza del Ingenio = Square Wit

Eigentlich ist das Schild intelligent übersetzt – mir gefällt, dass für Einheimische auf die Sirupfabrik verwiesen wird und für Touristen auf Bushaltestelle und Taxis. Aber nebenbei noch die Adresse zu übersetzen, ist doch recht verwirrend. Klar, München wird zu “Munich”, aber Darmstadt eben nicht zu “Gut Town” (was zu den Grundlektionen des Übersetzens gehört).

Aber vielleicht ist das ja auch ein Scherz, um möglichst häufig erwähnt zu werden. Dem Hörensagen nach lassen manche Wirte gerade im Süden ihre Speisekarten absichtlich wie Kraut und Rüben aussehen, weil die Touristen dadurch immer etwas zu lachen haben und sich immerhin noch in der eigenen Sprache angenommen fühlen.

Ich selbst bestelle meist die schlimmsten Zungenbrecher auf der Karte oder lasse mir das Tagesmenü erklären. Das ergibt in jedem Urlaub neue Aha-Erlebnisse. Ich finde ja, das müsste man alles als Fortbildung von der Steuer absetzen können, besonders angesichts meiner Fachgebiete Gesundheit, Ernährung und Kochen!

Per und Thea Döhler von Triacom haben dieses Thema mit ihrem Sommerbüro optimal gelöst. Nachahmenswert für alle, die über ihre Zeit frei verfügen können.

Wer klärt mich nun auf, was es mit den Wasserflaschen an der Kapelle auf sich haben könnte?

Imke Brodersen

Ein Blog von Imke Brodersen über Bücher, Autoren und den Alltag einer Literaturübersetzerin. A German literary translator's blog on books, authors, and translating in general. By Imke Brodersen.

Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. Oh, allerbesten Dank, Pablo – ich bin völlig baff, so schnell eine Antwort auf meine Frage zu erhalten. Für alle, die nicht Spanisch sprechen, also hier die Lösung: Deolinda Correa war eine junge Frau, die in ihrer Not mit ihrem Stillkind in die Wüste floh (das Kind überlebte, sie aber nicht). Ihre lebensgroße liegende Statue in Argentinien wird von ihren Anhängern unter anderem mit gefüllten Wasserflaschen umstellt: http://www.visitedifuntacorrea.com.ar/

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