{"id":392,"date":"2014-04-13T14:54:07","date_gmt":"2014-04-13T13:54:07","guid":{"rendered":"http:\/\/german-book-translator.de\/?p=392"},"modified":"2014-04-13T14:54:07","modified_gmt":"2014-04-13T13:54:07","slug":"fortbildung-fuer-literatur-uebersetzer-lenzburg-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.german-book-translator.de\/index.php\/fortbildung-fuer-literatur-uebersetzer-lenzburg-2014\/","title":{"rendered":"Fortbildung f\u00fcr Literatur-\u00dcbersetzer: Lenzburg 2014"},"content":{"rendered":"<p><em>Aus ganz Europa reisen angehende und gestandene Literatur\u00fcbersetzer jedes Fr\u00fchjahr in die Schweiz, um im Literaturhaus Lenzburg ein Wochenende lang im Kollegenkreis intensiv an Texten zu feilen, sich Anregungen zu holen, die eigene Arbeitsweise zu reflektieren und von renommierten \u00dcbersetzern zu lernen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dieses Jahr lockte mich der Spanisch-Workshop unter der Leitung von Christian Hansen aus Madrid. Die fr\u00fchzeitig vorab zugesandten Texte von Alan Pauls und Roberto Bola\u00f1o waren stilistisch sehr unterschiedlich und hatten es beide in sich. In der ersten Arbeitseinheit zerlegen wir gen\u00fcsslich den einleitenden Satz von Alan Pauls \u2013 eine Zeile, dreizehn W\u00f6rter, eine Stunde. Bis der deutsche Satz \u00e4hnlich selbstverst\u00e4ndlich dasteht wie der spanische.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>MERKE:<\/strong>\u00a0Der Satz soll nicht zappeln.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"http:\/\/german-book-translator.de\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Literaturhaus-Lenzburg-20145.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Literaturhaus Lenzburg, Nordschweiz\" alt=\"Literaturhaus Lenzburg, Treffpunkt f\u00fcr Literatur\u00fcbersetzer\" src=\"http:\/\/german-book-translator.de\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Literaturhaus-Lenzburg-20145.jpg\" width=\"450\" height=\"600\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das komplex verschachtelte Satzgebilde \u00fcber sage und schreibe zwanzig Zeilen, auf das ich zu Hause gestarrt habe wie das Kaninchen auf die Schlange, <!--more-->folgt erst vier S\u00e4tze und etliche Seminarstunden sp\u00e4ter. Beim Ringen um ein Gleichgewicht von Sinn, Klang, Satzbau und Rhythmus, das der Textpassage, der Dramaturgie und dem Autoren insgesamt gerecht wird, sch\u00e4len sich weitere Leits\u00e4tze heraus.<\/p>\n<blockquote><p><strong>MERKE:<\/strong>\u00a0Wenn etwas komisch klingt, ist es meistens falsch.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dieser Lieblingsspruch meines Englisch-Dozenten aus Germersheim begleitet mich seit drei\u00dfig Jahren und hat mir schon viele dumme Fehler erspart. Manche Wendungen oder Bilder fallen einem auf; man findet sie eigenartig, gibt sich aber damit zufrieden, dass der Autor hier offenbar besonders kreativ war (\u201eIst ja komisch, aber wenn er es unbedingt so will, dann schreibe ich es eben so\u201c). Daraus ergibt sich gleich noch ein zweiter Grundsatz, der nach etlichen Jahren im Beruf eher noch wichtiger ist als fr\u00fcher.<\/p>\n<blockquote><p><strong>MERKE:<\/strong> Wenn du glaubst, ein Wort zu kennen, schlag\u2018 es trotzdem nach.<\/p>\n<p>(Ganz besonders, wenn die Passage irgendwie merkw\u00fcrdig klingt\u2026)<\/p><\/blockquote>\n<p>Dann w\u00e4re mein Protagonist n\u00e4mlich einfach vor dem ohrenbet\u00e4ubenden Gel\u00e4rme der Zikaden (Cigarras) geflohen statt vor den benebelnden Rauchschwaden der Zigarren (die ich im Kontext geradezu riechen konnte). Woraus gleich noch eine Regel ableitbar ist:<\/p>\n<blockquote><p><strong>MERKE:<\/strong> Verlieb dich nie in deine eigenen Bilder, so stimmig sie auch erscheinen m\u00f6gen.<\/p><\/blockquote>\n<p><a href=\"http:\/\/german-book-translator.de\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Literaturhaus-Lenzburg-201410.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-394\" title=\"Bluemlizimmer im Literaturhaus Lenzburg\" alt=\"Literaturhaus Lenzburg 2014\" src=\"http:\/\/german-book-translator.de\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Literaturhaus-Lenzburg-201410.jpg\" width=\"800\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/www.german-book-translator.de\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Literaturhaus-Lenzburg-201410.jpg 800w, https:\/\/www.german-book-translator.de\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Literaturhaus-Lenzburg-201410-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Um sprachlich die passende Ebene zu erwischen, helfen Fragen wie: H\u00e4tte dieser Satz auch anders lauten k\u00f6nnen? Beruht eine Auff\u00e4lligkeit auf Eigenheiten der Ausgangssprache, die keine andere L\u00f6sung zul\u00e4sst, oder soll an einer bestimmten Stelle etwas mit sprachlichen Mitteln hervorgehoben oder verschleiert werden? Welche sprachlichen Mittel der Zielsprache erzielen eine vergleichbare Wirkung?<\/p>\n<p>Bei der Entlarvung eigener Fehlinterpretationen hilft insbesondere zeitlicher Abstand (mindestens dr\u00fcber schlafen, am besten einige Tage oder Wochen liegen lassen), aber auch der unverstellte Blick der Redakteurin oder Lektorin, die den Text stets noch einmal anders erfasst als die \u00dcbersetzerin.<\/p>\n<blockquote><p><strong>MERKE:<\/strong> So w\u00f6rtlich wie m\u00f6glich, so frei wie n\u00f6tig.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Ergebnis soll den Intentionen des Schriftstellers entsprechen. Eine weitere Regel gilt auch f\u00fcr Blogger:<\/p>\n<blockquote><p><strong>MERKE:<\/strong> Schreibe alles hin, was der Text (respektive beim Bloggen das Thema) hergibt. Dann streiche jedes verzichtbare Wort.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die \u00dcbersetzung wird verdichtet, bis sie f\u00fcr sich steht und ebenso implizit oder explizit erscheint wie der Ursprungstext. Hierzu geh\u00f6rt, die eigene Interpretation zu hinterfragen, statt sie dem Leser fix und fertig aufzutischen. Als Literatur\u00fcbersetzerin sollte ich dem Leser die Anstrengung des Lesens und Denkens nicht per Holzhammermethode abnehmen. Solange der Autor vage bleibt, sollte auch den Lesern (oder H\u00f6rern) Raum f\u00fcr eigene Spekulationen bleiben.<\/p>\n<blockquote><p><strong>MERKE:<\/strong> Der Leser hat ein Recht darauf, selbst zu denken.<\/p><\/blockquote>\n<p>Danke, Christian, f\u00fcr die geduldige, akribische Arbeit, die keinen Augenblick langweilig oder z\u00e4h wurde. Auch die Berichte aus den anderen Workshops (Englisch, Italienisch, Franz\u00f6sisch) waren wieder spannend. Pedro Zimmermann hat das Wochenende wieder mit ruhiger Hand so organisiert, dass konzentrierte Arbeit und angeregter Austausch im richtigen Verh\u00e4ltnis m\u00f6glich waren.<\/p>\n<p><em>An meine Leserinnen und Leser: Welcher der obigen Leits\u00e4tze hilft euch bei eurer Arbeit am meisten? Oder beherzigt ihr noch ganz andere, die hier nicht genannt sind? Ich bin gespannt auf eure Gedanken und Kommentare.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus ganz Europa reisen angehende und gestandene Literatur\u00fcbersetzer jedes Fr\u00fchjahr in die Schweiz, um im Literaturhaus Lenzburg ein Wochenende lang im Kollegenkreis intensiv an Texten zu feilen, sich Anregungen zu holen, die eigene Arbeitsweise zu reflektieren und von renommierten \u00dcbersetzern zu lernen. 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